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Ansprache zur Vernissage mit Christa Biedermann (02.02.2010)
Träume – erhofft, Hoffnung – mutig, Mut – erträumt: Ich sehe
mich hier im Raum um, sehe Träume zur Freiheit, fühle Hoffnung auf Befreiung,
spüre Mut frei zu sein.
Zunächst: Was ist das hier für ein Raum? Die Frauenhetz, vor 20 Jahren gegründet,
mit dem Ziel feministische Auseinandersetzungen unter Frauen zu fördern, mit
wechselnden Jahresschwerpunkten, unterschiedlichsten Veranstaltungsformen
und -inhalten. Außerdem ein Ort, der Raum gibt für unterschiedliche feministische
Projekte, die Bildungs-, Forschungs-, Beratungs- und Medienarbeit leisten.
Hier der Mittelpunkt der Bürogemeinschaft, symbolische Schnittstelle des gemeinsamen
Handelns fern eines bedachten Mainstreams.
„Von Entgrenzungen und Einsichten“ lautet der Titel der Veranstaltungsreihe,
die heute mit der Vernissage zu den COMIXZEICHNUNGEN 78-80 von und mit Christa
Biedermann beginnt, die über einen Ausflug in die kirgisische Kultur am nächsten
Samstag schließlich in einer Vorführung zum Film „Die Mauer 89-91“ von Christa
Biedermann Ende Februar münden wird.
COMIXZEICHNUNGEN 78-80:
Ich blicke mich hier im Raum um, sehe soziale Konstruktionen gesellschaftlicher
Strukturprinzipien als zentrale Differenzierungsmodi zwischen dem Fremden
und dem Eigenen, zwischen Männern und Frauen.
Ich fühle Beklemmung und gleichzeitig hoffnungsvolle Sehnsucht, spüre patriarchale
Begrenzungen und ebenso die Lust diese zu kritisieren, diese zu überwinden.
Ich stolpere über politische Strategien und Mechanismen, Funktionen von Be-
und Entgrenzungen und erhasche mich dabei, wie meine Gedanken mutig hoffend
zu träumen beginnen.
Vor nunmehr dreißig Jahren hat Christa Biedermann auf ein Emma-Inserat von
Marianne Hohmann aus Bonn reagiert. Sie war auf der Suche nach Zeichnerinnen,
um ihre Idee eines „Kleinen patriarchalen Bilderbuchs“ umzusetzen. Das Buch
erschien als kleine Auflage, die Zeichnungen wurden zudem im Nora Frauenbuchladen
in Bonn gezeigt. Im Februar und März 2010 können 47 Exemplare in der Frauenhetz
im Rahmen der Vernissage und der folgenden Ausstellung besichtigt werden,
darüber hinaus 70 weitere satirische Zeichnungen aus den frauenbewegten Jahren
1978 – 80. Diese Zeichnungen sind erstmals in Wien zu sehen.
Wenn ich eben gesagt habe, dass ich durchaus den Mut zum Träumen habe, dann
vor allem mit Blick auf einige positive Veränderungen der letzten Jahrzehnte
hinsichtlich gesellschaftlicher Umstrukturierungen. Demgegenüber haben beispielsweise
Körperdiskurse und geschlechtsspezifische Rollenverteilungen nichts von der
damaligen Brisanz verloren: Sie scheinen gegenwärtig zwar –teilweise- neu
verhandelt, doch im Ergebnis ähnlich ungleich wie noch vor einigen Jahrzehnten.
Christa Biedermann ihr satirischer Blick sowie ihre Vehemenz zur kritischen
Auseinandersetzung mit patriarchalen Ordnungsprinzipien eröffnen nicht zuletzt
neue Denkräume fern gesellschaftlicher Bedingtheiten. Die Frage nach der Relevanz
politischer Umstrukturierungen muss gegenwärtig ebenso gestellt werden, wie
dies die Künstlerin im Rahmen des „Kleinen patriarchalen Bilderbuches“ und
den satirischen Zeichnungen der frauenbewegten Jahre getan hat. Die Antwort
auf eben diese Frage hat Hannah Arendt geliefert: „Die Antwort lautet: Der
Sinn von Politik ist Freiheit“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch
einen spannenden, anregenden Abend fern patriarchaler Begrenzungen und darüber
hinaus viele interessante Einsichten. (G.H.)
Seit nunmehr drei Wochen brodelt und brennt es an Österreichs
Universitäten und seit einigen Tagen auch über die Bundesgrenzen hinaus. Was
mit einer Information zur Besetzung der Akademie der bildenden Künste via
E-mail-Verteiler begann, breitete sich schnell zu ernstzunehmenden Protesten
an verschiedenen Hochschulen in Wien und einige Tage später in anderen Städten
Österreichs aus. Die Besetzung von Hörsälen, die Organisation und Durchführung
mehrerer Demonstrationen sowie die Nutzung diverser medialer Foren zur Informationsweitergabe
weist nicht zuletzt auf eine gut strukturierte Form der Selbstorganisation
hin.
Neben dem freien Hochschulzugang für alle, einer Bildung statt Ausbildung,
der Re-Demokratisierung universitärer Strukturen stellen auch der Wunsch zur
Änderung der oft prekären Beschäftigungsverhältnisse von Lehrenden sowie die
Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes einige der Forderungen dar,
für die sich Studierende und Lehrende auf verschiedenste Weise solidarisieren.
Dass hier neoliberale Transformationsprozesse und bildungspolitische Vorgehensweisen
kritisiert werden, die konkrete Auswirkungen auf universitäre Strukturen,
auf die Studierenden und die Lehrenden haben, ist dabei unverkennbar. Kritischen
Stimmen zum Trotz, wie beispielsweise Formierungen nach dem Motto „Studieren
statt blockieren“, hält die Besetzung von Hörsälen an, sind die Demonstrationen
weiterhin sehr gut besucht, reichen 34 Millionen Euro des österreichischen
Bundesministeriums eben nicht aus, um die Proteste zu beenden. Vielmehr breitet
sich die Solidarisierungswelle aus, werden gesamtgesellschaftliche Privatisierungs-
und Ökonomisierungstendenzen kritisch hinterfragt: Denn den Studierenden und
Lehrenden geht es nicht um die Semmeln, es geht ihnen um die ganze Bäckerei.
Weiter so! (G. H.)
Manchmal gibt es gute Gründe zu feiern. So zum Beispiel einen
Neustart, Bestehendes, das sich jährt und/oder ein erreichtes Ziel. Vor allem
sind mit einem Anlass zum Feiern meist Prozesse und/oder Ergebnisse verbunden,
die es hervorzuheben lohnt. Der Krötenwechsel in der Frauenhetz vereint eben
diese Gründe, auch ihm gingen Überlegungen zu möglichen Umstrukturierungen
und Neuorganisationen voraus.
Den Relaunch verstehe ich als Anlass, grundlegende Überarbeitungen von Elementen
der Frauenhetz hervorzuheben: Nicht nur im strukturellen Bereich gibt es Neuerungen,
sondern auch auf inhaltlicher Ebene. Hervorzuheben ist schließlich die grundlegende
Überarbeitung unserer Homepage. Gewiss schwingt bei solch einer Vielzahl von
Veränderungen auch Unbehagen oder Unsicherheiten mit.
Frida Kahlo sagte einmal „Anstrich führte mein Leben durch.“ und fokussierte
meines Erachtens auf Veränderungen, die sichtbar gemacht werden sollten, die
es hervorzuheben lohnt. Auch spielt die mexikanische Künstlerin auf Dynamiken
an, die als dominant, aktiv charakterisiert werden können und auf diese Weise
eigenen Positionen und Wünschen entgegen laufen können. Schließlich unterstellt
sie mit ihrer Aussage aber auch eine Prozesshaftigkeit, die Hoffnung weckt.
Ich denke an die Kröte. Die Kröte ist ein wildes Zeichen, steht sie doch im
Allgemeinen für Geschlechtlichkeit, für die magischen Kräfte des Weiblichen
im Besonderen und schließlich symbolisiert die Kröte seit langem die Frauenhetz.
Während die Kröte derzeit ihr Versteck im Wald verlässt, um zum Laichen einen
Tümpel aufzusuchen, wechselt die Frauenhetzkröte ebenso ihren Platz und ihr
Hintergrund ändert sich: Nicht mehr weiß sondern grün blitzt es nun im Büro
hinter der Kröte hervor, nicht mehr lila sondern hell-gelb springt sie uns
jetzt auf der Homepage entgegen. Während die Kröte in der Natur laicht, Eier
legt und sich daraus zunächst Kaulkappen, später Kröten entwickeln, zeigen
sich bei den Frauen um die Frauenhetzkröte neue Ideen, die ebenso reifen und
wachsen können.
Der Prozess läuft, Entwicklungen gehen weiter. Die Kröte wandert wieder. Manchmal
gibt es eben gute Gründe zu feiern. (G. H.)